Der absolute Leser by Rüdiger Zill
Autor:Rüdiger Zill
Die sprache: deu
Format: epub
Tags: Biographie, Philosophie, Sachbuch
Herausgeber: Suhrkamp Verlag
veröffentlicht: 2020-08-15T00:00:00+00:00
Grundgestalten möglichen Philosophierens
Dem Absoluten zu misstrauen, hatte Blumenberg zu diesem Zeitpunkt â wie man aus seinen Artikeln über Jünger, Kafka und Sartre sehen kann35 â schon gelernt. Und so versucht er in seinem Vortrag zunächst einmal einen Ãberblick darüber zu geben, welche Wege die Philosophie aktuell noch zu offerieren hat. Er konzentriert sich dabei vor allem auf drei Ansätze: den Husserls, den Heideggers und den der christlichen Philosophie.
Zunächst geht er dafür aber noch einmal auf den Beginn der Neuzeit und ihren Verlust der Gewissheit zurück. René Descartes, der Gründervater der modernen Philosophie, versuche gerade aus dieser Ungewissheit ein unbestreitbares Wissen zu generieren. »Der methodisch-bewuÃte Ausdruck der UngewiÃheit ist der Zweifel.« 436Descartes benutzt ihn als Ausgangspunkt, um von dort an zu gesichertem Wissen voranzuschreiten: »Da, was ich weiÃ, mir gewià ist, muà universales Wissen auch absolute GewiÃheit begründen. âºMethodeâ¹ wird der âºWegâ¹ zu solcher GewiÃheit. Ihr Entwurf ist Philosophie.«36 Dieser Ansatz habe aber im 19. Jahrhundert in eine Abhängigkeit der Philosophie von der Wissenschaft geführt, am deutlichsten sichtbar in den Ansprüchen einer naturwissenschaftlichen Psychologie, die die Gesetze des Denkens und die Möglichkeit der Gewissheit aus faktischer Erfahrung gewinnen wolle.
Das sind nun die Voraussetzungen, auf denen Blumenberg die gegenwärtige Philosophie aufruhen sieht. Denn hier hat Husserl mit seinem Projekt angesetzt, die psychologischen Denkgesetze durch wesentliche Strukturen der Wirklichkeit zu ersetzen. Das cartesische Programm sollte erneuert werden, indem »Sein«, »Wirklichkeit« und »Realität« in Kongruenz »mit dem möglichen Gehalt von BewuÃtsein überhaupt« stehen, wobei das ȟberhaupt« bedeute, dass es nicht um ein spezifisch menschliches Bewusstsein gehe â was dann wieder eine Aufgabe für die Psychologie wäre â, sondern um ein Bewusstsein schlechthin, wer immer dessen Träger wäre. Husserl löse sich damit zwar aus der Abhängigkeit von den Naturwissenschaften, halte aber am Anspruch der Philosophie, selbst eine Wissenschaft zu sein, und zwar eine »radikale und universale«, fest. Gewissheit kann für Husserl also nur von solch einer wissenschaftlichen Philosophie kommen oder, wie Blumenberg schreibt: Deren Gewissheitsbegriff sei der »unüberholbar absolute«, aber als unendliche Aufgabe. »Der absolute Primat der Philosophie ist hier nicht nur auf den Ursprung der mod[ernen] Wiss[enschaft] gewandt, sondern auf Europa als geistige Einheit überhaupt.«37 Dieser Schwenk zu Europa als geistiger Einheit kommt etwas unvermittelt, schlieÃt aber noch einmal an den Nihilismus-Diskurs an.
Blumenberg setzt nun seine Darstellung der gegenwärtigen Positionen in der Philosophie fort, indem er zu der in der Phänomenologie selbst entstandenen Kritik übergeht. Er erwähnt Max 437Scheler, wichtiger ist ihm aber Martin Heidegger. In Heidegger habe sich ein Widerspruch entzündet, der gespeist sei »von der Erfahrung des Zusammenbruches der Aufklärung, deren umfassendste Erneuerung Husserls GewiÃheitsanspruch bedeutet hätte«. Heidegger habe in Sein und Zeit die »Endlichkeit der Zeit des Menschen, des Einzelnen wie der geschichtlichen Zeiteinheiten« wiederentdeckt. Den Ausgang nehmen diese Ãberlegungen »vom Menschen und seinen Strukturen der Endlichkeit«, ohne sich auf eine Position »âºÃ¼berâ¹ der Wirklichkeit« zu berufen: »Der Mensch ist in der Welt â das ist eine durch keine Fragestellung aufzulösende Einheit der GewiÃheit, ein Boden erst allen anderen Wissens, der diesem zugrundeliegt, nicht in ihm erreicht wird.« Dieser Abwendung von
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